movaplan definiert Erreichbarkeit neu
Der Kanton Basel-Stadt möchte die Erreichbarkeit als verkehrspolitische Zielgrösse neu definieren. Ich habe im Austausch mit einem Team aus der Verwaltung eine Kurzstudie als fachliche Diskussionsgrundlage erarbeitet. Damit liegt nun eine differenzierte Sicht auf dieses wichtige Thema vor.
Erreichbarkeit ist mehr als der Fetisch der Immobilienbranche - sie wäre auch eine der zentralen Grössen, um das Zusammenspiel von Raum und Mobilität bzw. von Angebot und Nachfrage zu beschreiben. Die gängigen Definitionen sind grundsätzlich hilfreich, stossen aber auch an Grenzen.
In der Vergangenheit wurde die Erreichbarkeit (auf Strasse und Schiene) primär über Kapazitätsausbauten und Netzergänzungen erhöht. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass dieser Ansatz zunehmend an Grenzen stösst – sowohl in Bezug auf Finanzierung als auch bzgl. politischer Akzeptanz. Im Zuge der höheren Siedlungsdichte und den vielfältigen, noch wachsenden Anforderungen (u.a. Natur- und Landschaftsschutz, Klimaanpassung) werden Infrastrukturprojekte immer komplexer, gleichzeitig wächst der Widerstand zumindest in Teilen der Bevölkerung. Dadurch nehmen Planungs- und Realisierungszeiten zu, ebenso die Kosten.
Gleichzeitig steigen die Nachfrage bzw. das Verkehrsaufkommen infolge des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums und des früheren Ausbaus der Verkehrsnetze. Die Zersiedelung im Umland schreitet voran. Der zunehmende Verkehr läuft den Klimaschutzzielen von Kanton und Agglomeration zuwider und führt dazu, dass Züge und Strassen in den Spitzenzeiten immer häufiger gesättigt sind.
Die bisherige Lesart der Erreichbarkeit und die zur Beurteilung herangezogenen Indikatoren wird diesen ambivalenten Sichtweisen nicht mehr gerecht. Einerseits wurden Wechselwirkungen (v.a. zur Raumentwicklung) und deren gesellschaftliche Bedeutung (soziale Teilhabe) bisher zu wenig einbezogen. Andererseits decken die bekannten Definitionen die Charakteristika einiger Verkehrsmittel (v.a. Fuss- und Veloverkehr) ungenügend ab und verschiedene Parameter werden nicht hinreichend abgebildet (z.B. Zuverlässigkeit, Siedlungsdichte). Schliesslich ist unklar, wie stark die verkehrstechnische Erreichbarkeit weitere Zielgrössen – insbesondere Lebensqualität und Wirtschaftskraft – beeinflusst. Im politischen Diskurs werden je nach Grundhaltung einzelne Einflüsse deutlich überschätzt, andere wiederum unterschätzt.
Das Amt für Mobilität des Kantons Basel-Stadt wollte deshalb die Erreichbarkeit als Schlüsselgrösse der Verkehrs- und Raumpolitik breiter und belastbarer definieren. Ich habe ihn dabei unterstützt. Für drei Workshops mit einem Kernteam aus der Verwaltung habe ich jeweils Diskussionsgrundlagen erarbeitet. Als Basis bildeten Literaturrecherchen, deren thesenartige Verdichtung und der Entwurf von anschaulichen Grafiken zur Erläuterung. Aufgrund der Inputs aus den Workshops habe ich die Entwürfe weiterentwickelt und schlussendlich in einem kurzen Bericht dokumentiert. Darin werden neben der eigentlichen Definition der Erreichbarkeit auch Instrumente bzw. Methoden zu deren Messung vorgeschlagen.